Szczepan Twardoch – Der Boxer (2018)

Rowohlt Verlag

Man darf sich nicht vom Titel des neuen Romans des polnischen Erfolgsautors Szczepan Twardoch abschrecken lassen, denn wer hinter diesem Titel die Erfolgsgeschichte eines Boxers erwartet, der irrt sich. Diesen Fehler habe auch ich erst kürzlich begangen und mich trotz vieler Empfehlungen zunächst anderen Büchern zugewandt, ärgerlich, wenn ich nun nach beendeter Lektüre zurückblicke, denn ich habe schon lange nicht mehr einen so spannenden Roman gelesen.

Der junge polnische Autor glänzte schon mit seinen zwei ersten Romanen, Morphin und Drach, gewann Preise und wurde hoch gelobt. Mit seinem neusten Werk tauchen wir ein in die Warschauer Unterwelt der dreißiger Jahre, werden begleitet von einem unzuverlässigen Erzähler, der eben durch diese Eigenschaft einen Teil des Spannungsbogens ausmacht. »Mag sein, dass das alles auch gar nicht mir passiert ist, vielleicht hat Shapiro mir diese Geschichte erzählt!« Wer ist er denn nun, der Erzähler? Denn erzählt wird die Geschichte des jüdischen Boxers Shapiro oder vielleicht auch die des jungen Juden Mojuesz Bernstein, dessen Vater den Boxer Shapiro umgebracht hat, weil er sein Schutzgeld nicht bezahlen konnte?! Sicher ist, dass der Leser von Anfang an über Unstimmigkeiten stolpert und man sich nie bedenkenlos dem hingeben kann, was der Erzähler uns als wahre Begebenheit verkaufen will. Und so erscheinen die Geschichten des Jungen, der vom Boxer aufgenommen wird und in die Peripherie der Warschauer Unterwelt eingeführt wird, immer in einem sehr fragwürdigen Licht, das den Leser bis zur letzten Seite begleitet. Gespickt ist das Ganze mit, dem Milieu entsprechend, viel Gewalt (wirklich nichts für schwache Nerven), aber auch mit gefühlvollen Metaphern und Elementen aus der polnischen Geschichte und den politischen Umbrüchen zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Elemente, die Fragen nach der polnischen Identität aufwerfen, was auch schon Deutschlandfunk Kultur richtig anmerkte. Aber kann uns dieser Roman dieser Identität einen Schritt näher bringen? Darüber lässt sich gerne diskutieren.

In jedem Fall ist es ein Roman für alle, die mit Spannung und Gewalt leben können und auch etwas interessiert an polnisch-europäischer Geschichte sind.

Wir würden uns freuen, eure Meinung über Der Boxer zu erfahren, liebe Leserschaft. Schreibt gerne eure Eindrücke unten in die Kommentare.

Viel Spaß beim Lesen!

Sebastian Becker

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