Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore, Bd. 1 (2018)

DuMont Buchverlag

Wer sich vom neuen Werk von Haruki Murakami mal etwas ganz Neues erhofft hat, der liegt damit falsch, aber das ist ja wahrscheinlich auch nicht das, was ein Fan will. Wie in vielen seiner Romane schafft er es geschickt, den Leser in eine Welt mitzunehmen, die jederzeit für Überraschungen gut ist. Eine Welt zwischen Realität und Illusion. Er selber sagte in einem Interview, dass es für asiatische Leser völlig selbstverständlich sei, dass an ein- und demselben Tag etwas Realistisches und etwas Unrealistisches geschehe. Das mag vielleicht in der asiatischen Kultur und deren Affinität zur Spiritualität verankert sein, für den westlichen Leser ist es jedoch immer wieder überraschend, beim Lesen auf solche Elemente zu stoßen.

Die Perspektive des Ich-Erzählers erlaubt eine sehr detaillierte und realistische Darstellung der Umgebung und so stechen die surrealen Elemente umso mehr heraus. Eines dieser Elemente begegnet dem Leser, als der Protagonist im Garten immer und immer wieder ein Glöckchen klingeln hört. Nachdem er der Herkunft des Geräusches nachgeht, stellt er fest, dass es aus einem Steinhaufen im Garten des Hauses ertönt, und ist irritiert. Mit der finanziellen Unterstützung des Nachbarn schafft ein Bagger die Steine weg. Darunter verbirgt sich eine Kammer mit einem Glockenstab. Ja, genau. Als kurz darauf die Figur eines Gemäldes, welches der Erzähler auf dem Dachboden fand, auf seinem Sofa sitzt, ist es dann vorbei mit der Ernsthaftigkeit. Handele es sich bei dieser Figur um eine menschliche, könnte man das vielleicht noch in einer gewissen Ernsthaftigkeit hinnehmen. Allerdings handelt es sich um eine 60 cm große puppenartige Figur mit einem Säbel, welche freche Sprüche reißt und, ähnlich wie Pumuckl, unsichtbar wird und nur für den Protagonisten (man denke an Meister Eder) sichtbar ist. Übrigens finden sich auch Ähnlichkeiten zu Goethes Teufelspakt (Faust), Der große Gatsby und Dorian Gray in der Erzählung wieder.

Fairerweise muss man sagen, dass es sich bei diesen beiden Erzählsträngen des Romans um die wohl fantastischsten handelt. Sie sind Teil eines eng verknoteten Erzählnetzes und reihen sich ein zwischen dem Protagonisten im mittleren Alter, der sich der Einfachheit des Lebens hingegeben hat, der Scheidung mit seiner Frau, die ihn offensichtlich betrogen hat, seiner künstlerischen Schaffenskrise, dem Nachbar, der gerne von ihm porträtiert werden will, um an seine Tochter heranzukommen, die wiederum nichts weiß von ihrem Vater, und und und. Geschickt gesetzte Cliffhanger schaffen es auch immer wieder, dass man das Buch kaum zur Seite legen kann, denn man möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht. So wartet die Fangemeinde dann auch gespannt auf den zweiten Teil, welcher im April erscheint.

Jenseits der Spannung bewegen sich die Dialoge. Sie sind technisch, zäh und etwas statisch. Wenn man Murakami eines ankreiden kann, dann, dass er es nur in seltenen Fällen wirklich schafft, Dialoge lebendig wirken zu lassen. Vermutlich einer der Gründe dafür, warum er es wohl immer noch nicht zum Literaturnobelpreis geschafft hat.

Im Großen und Ganzen muss man sagen, das Murakami schon intensivere und tiefergehende Romane geschrieben hat, welche trotz der fantastischen Elemente ernst zu nehmen waren. Für ein kurzweiliges Leseerlebnis auf jeden Fall zu empfehlen, wer sich aber Tiefgang mit Elementen asiatischer Spiritualität erhofft, wird hier wohl leider enttäuscht werden.

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