Ferdinand von Schirach – Strafe (2018)

Luchterhand Literaturverlag

Strafe von Ferdinand Schirach

Ein bisschen wie im Nachmittagsprogramm von Sat.1

Große Bekanntheit erlangte Ferdinand von Schirach wohl durch sein 2015 uraufgeführtes Theaterstück Terror, welches sogar verfilmt wurde und im Abendprogramm der ARD zu sehen war. Das Stück hatte durchaus Unterhaltungspotenzial, da es das Publikum aufforderte, nach der inszenierten Gerichtsverhandlung eines Terroranschlags darüber abzustimmen, welch gerechtes Urteil dem Angeklagten auszusprechen sei. An dieser Stelle schieden sich die Geister und boten eine interessante Diskussionsgrundlage.

Es lässt sich erahnen, dass der Autor aus dem juristischen Metier entstammt; so ist er eigentlich Strafverteidiger, hat es mit seiner Literatur aber weit gebracht und ist sogar international bekannt für seine Werke, die in den meisten Fällen rechtliche Phänomene behandeln. So auch in seinem neusten Erzählband Strafe.

In zwölf unabhängigen Kurzgeschichten wird dem Leser hier deutlich gemacht, wie schwer es sein kann, einem Menschen und seinem Handeln gerecht zu werden und ein Urteil zu sprechen. Sei es auf moralischer oder rechtlicher Ebene. Was gibt es neben Schwarz und Weiß, neben Gut und Böse?

Es sind durchaus Geschichten dabei, die zum Nachdenken anregen und das eigene Selbst an einer pauschalen Vorverurteilung zweifeln lässt. Das ist Schirach hier, wie auch in seinen früheren Schriften (Verbrechen, Schuld) gut gelungen. Der Erzählstil verleiht dem Ganzen allerdings einen etwas faden Beigeschmack, denn leider wirken die Fälle aufgrund ihrer juristischen Sachlichkeit konstruiert und die oft grausamen Episoden der körperlichen Gewalt (ob nun der Fall einer Gruppenvergewaltigung oder der eines Mannes, der den Schädel seiner Ehefrau mit einem Hammer einschlägt) machen den Eindruck, durch exzessive Gewalt einen bleibenden Eindruck erzwingen zu wollen. Selbstverständlich gehören solche Grausamkeiten zum Alltag eines Strafverteidigers, allerdings bin ich der Meinung, dass dies eleganter zu lösen wäre, indem moralische Aspekte weiter in den Vordergrund gerückt würden, denn für mehr als eine Unterhaltungslektüre reicht es auch bei angehenden Juristen nicht. Durch die konstruierte Art erinnert es mich schon fast an Lenßen & Partner im Nachmittagsprogramm von Sat.1.

Damit lehne ich mich aber sehr weit aus dem Fenster, denn Ferdinand von Schirach steht mit diesem Erzählband erneut in den Bestsellerlisten. Der Unterhaltungseffekt ist sicherlich gegeben und für Krimi-Affine mag Strafe sicherlich auch ein kleines Highlight sein, wer hier aber Tiefgang erwartet, wird mit Kurzweiligkeit bestraft – immerhin auch eine Art von Strafe.

Ich bin gespannt auf eure Meinung!

Viel Spaß beim Lesen!

Euer Sebastian Becker

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